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Westerntrainer-Legenden: Wie das Westernreiten nach Europa kam

Simon · Dream Quarters

2026-08-30

Westerntrainer-Legenden: Wie das Westernreiten nach Europa kam

Frag deinen Trainer mal, woher sein Wissen eigentlich kommt. Wenn er gut ist, endet die Spur nicht bei seinem eigenen Ausbilder. Sie führt zurück über den Atlantik, auf Rinderranches in Ohio und Oregon — und irgendwann stehst du vor einem datierten Schwarzweißfoto: 25. Mai 1964, ein Quarter-Horse-Hengst auf dem Deck eines Schiffs Richtung Europa. Das ist die Geschichte der großen Westerntrainer, der leisen Revolution, die sie auslösten, und des Umwegs, über den ihr Wissen bis in deine Reithalle kam.

Ohio, 1966: Der Vater des modernen Reinings war kein Texaner

Anfangen muss man dort, wo der Sport seine Form bekam — und das ist nicht Texas. Die National Reining Horse Association wurde 1966 in Coshocton gegründet, einer Kleinstadt in Ohio, und ihre erste Futurity gewann im selben Jahr ein Farmerssohn aus der Gegend: Dale Wilkinson, der mit vierzehn angefangen hatte, für Taschengeld Pferde zu reiten.

„Erfunden" hat Wilkinson das Reining nicht, und er hätte das Wort auch nie benutzt. Als Ranch-Klasse gab es die Disziplin längst. Wilkinson hat aus ihr einen Sport geformt: Turnarounds mit sauber übertretender Vorhand statt gezerrter Wendungen, ein durchhängender Zügel statt Dauerkontakt, symmetrische Zirkel, weiche Sliding Stops. Die NRHA nennt ihn bis heute den „Father of Modern Reining", ihr Lebenswerk-Preis trägt seinen Namen — und als der Verband 1986 seine Hall of Fame eröffnete, war Wilkinson der allererste Name darin.

Wie tief sein Können reichte, zeigt ein Kunststück, das bis heute niemand wiederholt hat: Wilkinson ist der einzige Mensch, der sowohl die NRHA Futurity als auch die NCHA Futurity im Cutting gewonnen hat. Letztere holte er 1972 als Mann aus Ohio mitten im texanisch geprägten Cutting — auf Gun Smoke's Dream, einer Stute aus eigener Zucht. Ihr Vater hieß Mr Gun Smoke. Falls dir der Name bekannt vorkommt: Das ist derselbe Hengst, mit dem unsere Geschichte über die Reining-Blutlinien beginnt. Der Westernsport war schon immer ein Dorf.

Dale Wilkinsons Doppelsieg: NRHA Futurity 1966 auf Pocorochie Bo und NCHA Futurity 1972 auf Gun Smoke's Dream — bis heute von niemandem wiederholt

Und noch etwas gehört zu diesem Mann: Ab Mitte der Siebziger baute er das berühmte Reitprogramm der University of Findlay mit auf und unterrichtete dort jahrelang Studenten — ohne je auf der Gehaltsliste zu stehen. Merk dir das Detail, es kommt am Ende wieder.

Die stille Revolution: Dorrance, Hunt und ein Pferd namens Hondo

Während in Ohio ein Sport entstand, passierte weiter westlich etwas Leiseres und, das lässt sich rückblickend sagen, Größeres. Auf den Ranches im Nordwesten arbeitete ein kleiner, o-beiniger Viehzüchter aus Oregon namens Tom Dorrance, der Pferde las wie kein Zweiter. Sein berühmtester Satz ist eine Frage: „What happened, before what happened happened?" — was ist passiert, bevor das passierte, wofür das Pferd jetzt die Schuld bekommt? Dorrance mied Kameras, gab kaum öffentliche Kurse und schrieb sein schmales Buch erst mit 77. Dass seine Ideen trotzdem um die Welt gingen, verdankt er einem jungen Cowboy, der im Winter 1960/61 mit einem gefährlichen Pferd vor seiner Tür stand.

Ray Hunt ritt damals den rough string — die Pferde, die sonst keiner haben wollte — und sein einziges eigenes Pferd war ein Jungpferd namens Hondo, das biss, schlug und buckte. Ein Jahr unter Dorrances Augen später gewann Hondo im Cow Palace von San Francisco eine Working-Cow-Horse-Klasse, vorgestellt im Hackamore. Hunt hat sein Leben lang erzählt, dass alles, was er könne, mit diesem einen Pferd begonnen habe. Und er machte daraus einen Beruf, den es so noch gar nicht gab: Jahrzehnte bevor irgendjemand „Natural Horsemanship" sagte, zog er mit Kursen durchs Land, ritt fremde Jungpferde binnen Tagen ein, ohne sie zu „brechen", und eröffnete jede Clinic mit demselben Satz: „I'm here for the horse — to help him get a better deal." Er sei für das Pferd da, damit es ein besseres Geschäft bekommt.

Falls du beim Lesen an den „Pferdeflüsterer" denkst: richtige Richtung, falscher Name. Autor Nicholas Evans hat klargestellt, dass ihn zu seinem Roman nicht die Showmänner der Neunziger inspirierten, sondern Buck Brannaman — ein Schüler von Ray Hunt. Der feine Umgang mit dem Pferd ist keine Marketing-Erfindung jener Jahre. Er kommt von Rinderranches, eine ganze Generation früher.

Die Wendung: Ein Schweizer Bauingenieur bringt das Westernreiten nach Europa

Hier macht die Geschichte ihre schönste Kurve. Der Mann, der all das über den Ozean holte, war nämlich kein Cowboy, sondern Bauingenieur. Jean-Claude Dysli, Jahrgang 1935, machte sein ETH-Diplom 1958 als Jahrgangsbester und hatte sein reiterliches Fundament ausgerechnet im Zirkus gelegt, als Schüler von Fredy Knie senior. Anfang der Sechziger ging er zum Weiterstudieren nach Kalifornien, geriet im Cow Palace in ein Rodeo — dieselbe Halle, in der Hondo gewann, falls du mitzählst — und blieb hängen: sieben Jahre als arbeitender Cowboy, ab 1969 mit eigener Ranch. Seine prägenden Lehrer: Tom Dorrance und Ray Hunt. Dieselben zwei Männer. Die Horsemanship-Linie, die heute durch europäische Reithallen läuft, beginnt exakt dort.

Stammbaum des Wissens: Tom Dorrance und Ray Hunt lehren Buck Brannaman und Jean-Claude Dysli — von Dysli führt die Linie zu DQHA, EWU und den heutigen Westerntrainern mit DOSB-Lizenz

Am 25. Mai 1964 verlud Dysli seine ersten zwei Quarter Horses auf ein Schiff Richtung Schweiz; ein datiertes Foto zeigt den Hengst Navada Victory auf dem Deck. Ernst genommen hat ihn hier zunächst kaum jemand — bis zu einer Vorführung 1972 in Basel, die man heute viral nennen würde: Auf ein und demselben Hengst zeigte er erst klassische kalifornische Kandarenarbeit, ritt dann eine Dressuraufgabe auf M-Niveau im gebisslosen Hackamore und arbeitete zum Schluss Rinder ganz ohne Zäumung. 1975 begeisterte er auf der Equitana auf seinem Mustang Popcorn das Messepublikum und saß im selben Jahr im Gründungsvorstand der Deutschen Quarter Horse Association (DQHA). Nach dem Auftritt trank er ein Bier mit Dressurlegende Reiner Klimke — und die beiden stellten fest, dass sie nach denselben klassischen Grundsätzen arbeiteten, nur in verschiedenen Sätteln.

Basel 1972: drei Vorführungen auf demselben Hengst mit immer weniger Zäumung — erst Kandare, dann nur Hackamore, zuletzt gar nichts

Fünf Jahrzehnte lang unterrichtete Dysli quer durch Europa; sein Dreiklang aus Balance, Feeling und Timing steht bis heute in unzähligen Kursnotizen. Im Dezember 2013 starb erst sein alter Hengst Okie Isma Dad. Sieben Tage später blieb auch Dyslis Herz stehen, mit 78. Wer mag, darf das für einen Zufall halten.

Aus 35 Reitern werden 61.000 Starts

Was die Pioniere angestoßen hatten, organisierte sich erstaunlich schnell. Oktober 1977, Münchholzhausen bei Wetzlar: das erste Turnier der frisch gegründeten EWU, am Start 35 Reiter in Reining, Short Race, Barrel Race und Pole Bending. Die Erste Westernreiter Union — aus der Taufe gehoben übrigens als „Europäische Westernpferde- und -Reiter Union", das Kürzel überlebte die spätere Umbenennung — wurde 1978 offiziell eingetragen und ist heute der größte Westernreitsportverband in Deutschland und Europa. Allein 2024 zählte sie über 61.000 Turnierstarts. Von 35 auf 61.000 — in dieser einen Kurve steckt die ganze Geschichte.

Wachstumskurve der EWU: vom ersten Turnier 1977 mit 35 Reitern über die NRHA-Germany-Gründung 1987 und den FN-Anschluss 1993 zu 61.000 Turnierstarts im Jahr 2024

1987 kam die NRHA Germany dazu, heute mit rund 2.500 Mitgliedern nach dem amerikanischen Mutterverband der zweitgrößte Reining-Verband der Welt. Und die Americana? Ihre Wurzel ist eine Westernreit-Europameisterschaft, die 1979 ausgerechnet in der Aachener Soers stattfand, dem Hochamt der englischen Reiterei. Der Name „Americana" entstand 1985 in einem Telefonat, die erste Ausgabe lief 1986 in München-Riem und zog auf Anhieb 26.000 Besucher; ab 1990 wurde Augsburg ihr Zuhause, seit 2023 ist es Friedrichshafen. Einer der Macher der ersten Stunde: Horst Geier — derselbe Mann, der acht Jahre zuvor als erster Vorsitzender die junge EWU geführt hatte. Die europäische Westernszene wurde von erstaunlich wenigen, erstaunlich hartnäckigen Leuten gebaut.

Der Rückflug: Als Europa zu gewinnen begann

Lange galt trotzdem die alte Regel: Gelernt wird drüben. Die Messlatte hing hoch — in den Achtzigern hieß sie Bob Loomis, der die Futurity sechsmal gewann, das Standardwerk über Reining schrieb und einen Hengst besaß, den er schon vor dessen Geburt gekauft hatte: Topsail Whiz, erworben im Bauch der Stute Jeanie Whiz Bar, Lesern unseres Blutlinien-Artikels als Ursprung der Silbe „Whiz" vertraut. Aus dem ungeborenen Fohlen wurde der erste Zwölf-Millionen-Dollar-Vererber der NRHA-Geschichte. Wer als Europäer ernsthaft mitspielen wollte, ging in die USA — so wie Grischa Ludwig, der bei amerikanischen Profis lernte und sich im Jahr 2000 mit einem Americana-Sieg bis auf Platz drei der amerikanischen NRHA-Jahreswertung schob.

Dann drehte der Wind. 2007 wurde der Österreicher Rudi Kronsteiner NRHA Open World Champion, Reserve-Weltmeister wurde Grischa Ludwig: Die Spitze eines amerikanischen Sports sprach plötzlich Deutsch. Zur Ehrlichkeit gehört die Fußnote, dass dieser Weltmeistertitel eine Jahres-Punktewertung ist, gesammelt auf Shows in aller Welt — nicht die NRHA Futurity in Oklahoma City, das wichtigste Einzelereignis des Sports, die bis heute kein in Europa stationierter Reiter gewonnen hat. Aber die Liste wurde trotzdem immer länger: Die Belgierin Ann Fonck wurde 2014 Weltmeisterin. Ihr Mann Bernard holte 2018 bei den Weltreiterspielen (WEG) als erster Europäer das Einzelgold im Reining. Der Italiener Gennaro Lendi — FEI-Weltmeister von 2016 — wurde 2021 Million Dollar Rider — als erster Italiener, der die Million komplett auf europäischem Boden gewann. Und Grischa Ludwig gewann 2019 im schweizerischen Givrins Einzel- und Mannschaftsgold bei der Europameisterschaft — ein historischer Doppelsieg für das deutsche Reining.

Zeitleiste der europäischen Reining-Erfolge: von Kronsteiners Weltmeistertitel 2007 über Foncks WEG-Gold 2018 bis zu Fappani als erstem 10-Millionen-Dollar-Reiter 2025

Die Pointe aber liefert ein Milchbauernhof bei Bergamo. Dort wuchs Andrea Fappani auf, vierte Generation, schon als Kleinkind aufs Pferd gesetzt. 1996 gewann er die italienische Futurity, dann packte er die Koffer und heuerte in den USA als Assistent an. 2001, mit 24, gewann er als erster Europäer die NRHA Futurity — entschieden im ersten Stechen der Finalgeschichte. Ende 2021 löste er Shawn Flarida als Nummer eins der ewigen Geldrangliste ab, jenen Mann aus Ohio, der mit sieben Futurity-Siegen den Titelrekord hält und der eine seiner fünf WEG-Goldmedaillen 2014 gleich nach der Siegerehrung seinem kleinen Sohn schenkte. Und im Dezember 2025 durchbrach Fappani als erster Reiter der Geschichte die Marke von zehn Millionen Dollar Turniergewinn — in einer Finalnacht, in der sein eigener Sohn Luca mit ihm auf dem Scoreboard stand. Der erfolgreichste Westernreiter aller Zeiten ist ein Europäer.

Westerntrainer heute: Das Wissen wohnt nebenan

Sechzig Jahre nach dem Schiffsfoto ist aus dem Import ein Ausbildungssystem geworden. Die EWU bildet heute nach der Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) aus, vom Trainerassistenten über Trainer C und B bis zum Trainer A Westernreiten — mit DOSB-Lizenz und Fortbildungspflicht. Was 1964 auf einem Schiffsdeck ankam und in Kursscheunen weitergereicht wurde, wird heute mit Lehrplan geprüft. Und die Erben dieser Linie stehen längst nicht mehr nur auf Messebühnen: Sie unterrichten in Reithallen zwischen Ostsee und Alpen.

Der Dorrance-Test funktioniert übrigens bis heute — auch bei der Trainersuche. Erzähl von deinem Problem und hör hin, ob die erste Frage rückwärts zielt: Was ist passiert, bevor es passiert ist? Wer erst das Davor verstehen will, statt sofort ein Korrekturprogramm zu verkaufen, steht in der besten Tradition dieses Sports.

Genau für diese Leute gibt es unser Trainer-Verzeichnis: Westerntrainer von Bayern bis Brüssel, mit Disziplinen, Werdegang und direktem Draht — jeder gleichberechtigt, niemand kann sich nach vorn bezahlen. Worauf du bei der Wahl achten solltest, steht im Leitfaden zur Trainersuche; wenn du lieber mit einem Wochenende einsteigst, hilft der Kurs-Ratgeber.

Und falls du selbst ausbildest, ist diese Geschichte auch deine. Ein Coach-Profil auf Dream Quarters kostet 9 € im Monat, deine Kurse und Clinics trägst du kostenlos in den Westernkalender ein. Dale Wilkinson hat jahrelang unterrichtet, ohne auf der Gehaltsliste zu stehen — so weit muss es ja nicht kommen. Aber sein Grundsatz gilt: Gutes Wissen gehört dorthin, wo Pferde und Menschen es finden.

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